13. Mai 2026

Die Schweiz funktioniert – aber nicht von selbst. Ein Gastbeitrag von Andrea Galli.

Energieversorgung, Mobilität, Klimaanpassung oder Digitalisierung: Hinter all diesen Herausforderungen stehen Menschen, die Lösungen planen, umsetzen und Verantwortung übernehmen. Zum Ende seines Präsidiums von suisse.ing blickt Andrea Galli, Vorstandsmitglied von Bauenschweiz, auf die Zukunftsfähigkeit der Schweiz – und warnt davor, technische Kompetenz als selbstverständlich zu betrachten.

Nachfolgend ein gekürzter Gastbeitrag von Andrea Galli, Vorstandsmitglied Bauenschweiz. Den gesamten Beitrag findet sich auf seinem LinkedIn Profil.

Die Schweiz funktioniert. Vielleicht zu gut. Züge fahren. Brücken halten. Tunnel verbinden. Wasser fliesst. Strom ist verfügbar. Strassen werden unterhalten. Dörfer werden vor Naturgefahren geschützt. Schulen, Spitäler, Bahnhöfe, Kraftwerke und Netze sind einfach da. Vieles funktioniert so zuverlässig, dass wir kaum noch fragen, warum es funktioniert. Doch genau darin liegt ein Risiko: Was zuverlässig funktioniert, wird unsichtbar. Und was unsichtbar wird, halten wir irgendwann für selbstverständlich.

Wenn die Schweiz heute über ihre Zukunft spricht, dann spricht sie über Energie, Klima, Mobilität, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Versorgungssicherheit und resiliente Infrastrukturen. Sie spricht über Strategien, Milliardenbeträge, Volksabstimmungen und politische Programme. Seltener spricht sie über die Menschen, die all das in tragfähige Projekte übersetzen müssen. Nicht jene, die Zukunft versprechen. Nicht jene, die sie kommentieren. Nicht jene, die sie finanzieren. Sondern jene, die sie technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich möglich machen.

Diese Frage begleitet mich am Ende meiner vier Jahre als Präsident von suisse.ing, früher usic. Nicht als Klage. Eher als Sorge. Und als Einladung, genauer hinzuschauen. Bisher ging es. Aber das ist keine Strategie.

Die Schweiz hat eine grosse Fähigkeit: Sie findet meistens eine Lösung. Das hat dieses Land stark gemacht. Wir haben Täler verbunden, Städte entwickelt, Flüsse gebändigt, Berge durchquert, Energie nutzbar gemacht, Mobilität organisiert und Infrastrukturen aufgebaut, die weltweit Respekt geniessen. Aber das geschah nie von selbst. Es geschah, weil Generationen von Ingenieurinnen und Ingenieuren, Planenden, Technikerinnen und Technikern, Spezialistinnen und Spezialisten sowie Unternehmerinnen und Unternehmern mit Methode, Disziplin und Verantwortungsbewusstsein gearbeitet haben. Meist im Hintergrund. Meist ohne grosses Aufsehen. Oft ohne Applaus.

Ingenieurinnen und Ingenieure stehen in der besten Schweizer Tradition für Menschen, die machen: die messen, prüfen, Verantwortung übernehmen; die nicht mit grossen Worten beginnen, sondern mit einer sauberen Analyse; die wissen, dass ein Fehler nicht nur eine falsche Aussage ist, sondern ein reales Risiko für Sicherheit, Kosten, Termine, Umwelt und Vertrauen. Diese Kultur des stillen, verantwortungsvollen Machens war eine enorme Stärke der Schweiz. Aber sie erneuert sich nicht von selbst.

Der Engpass sind nicht nur Milliarden. Es sind Menschen.

Die Schweiz wird in den kommenden Jahren investieren müssen: in Energie, Netze, Bahnen, Strassen, Wasserbau, Gebäudesanierungen, Digitalisierung, Unterhalt und Schutz vor Naturgefahren. Die entscheidende Frage ist nicht nur, ob wir dafür genügend Mittel bereitstellen. Die entscheidende Frage ist, ob wir genügend Menschen haben, die diese Aufgaben planen können.

Die Daten zeichnen kein dramatisches, aber ein ernstzunehmendes Bild. In Architektur, Bauwesen und Geomatik sind die Studierendenzahlen über zwanzig Jahre insgesamt gewachsen. Entscheidend ist jedoch die jüngere Entwicklung: In den letzten zehn Jahren haben sie weitgehend stagniert; insbesondere Rückgänge im Bauingenieurwesen haben dazu beigetragen. Gleichzeitig besteht gerade in diesen Bereichen ein Fachkräftemangel, besonders im Bauingenieurwesen und in der Geomatik. Das ist kein Detail für Hochschulstatistiken. Es ist eine Frage der nationalen Handlungsfähigkeit.

Denn der Bedarf wächst nicht nur im klassischen Bauingenieurwesen. Er wächst überall dort, wo politische Ziele technisch umgesetzt werden müssen: in der Elektrotechnik, in der Gebäudetechnik, in der Energieplanung, bei Netzen, Speichern, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, Automation, Gebäudesanierung und digitalen Planungssystemen. Die Energiewende findet nicht auf Plakaten statt. Sie findet in Netzen, Gebäuden, Anlagen, Steuerungen, Bewilligungen, Baustellen und Betriebsprozessen statt.

Auch die Gebäudebranche kennt diesen Druck. Es fehlen Fachkräfte, während sich zu wenig junge Menschen für diese Berufe entscheiden. Gleichzeitig braucht es laufend neue Kompetenzen, weil Gebäude, Energie, Digitalisierung und Betrieb immer stärker zusammenwachsen. Die Botschaft ist nüchtern: Die Nachfrage nach technischer Kompetenz steigt dort, wo die Schweiz ihre wichtigsten Transformationen umsetzen will. Die Ausbildung folgt diesem Bedarf nicht automatisch. Eine Gesellschaft, die Ziele formuliert, aber zu wenig Menschen ausbildet, die sie umsetzen können, verwechselt Ambition mit Realität.

Wir müssen das Bild des Berufs erweitern

Der Fachkräftemangel hat nicht nur mit Zahlen zu tun. Er hat auch mit Wahrnehmung zu tun. Viele junge Menschen verbinden Ingenieurberufe noch immer mit einem engen Bild: viel Mathematik, viele Normen, viel Verantwortung, aber wenig Sichtbarkeit, wenig Gestaltung, wenig gesellschaftliche Wirkung. Andere technische Bereiche erscheinen moderner, kreativer oder näher an den grossen Fragen der Gegenwart.

Das ist paradox. Denn gerade Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten an diesen Fragen. Klimaanpassung ist Ingenieurarbeit. Energiewende ist Ingenieurarbeit. Mobilität ist Ingenieurarbeit. Gebäudesanierung ist Ingenieurarbeit. Hochwasserschutz ist Ingenieurarbeit. Kreislaufwirtschaft ist Ingenieurarbeit. Resilienz ist Ingenieurarbeit. Wir haben nicht zu wenig Relevanz. Wir haben zu wenig sichtbare Relevanz.

Deshalb genügt es nicht, den Beruf besser zu bewerben. Wir müssen ihn auch breiter erzählen. Ingenieurarbeit bleibt analytisch. Sie braucht Präzision, Zahlen, Modelle, Normen und die Fähigkeit, komplexe Probleme sauber zu strukturieren. Diese Fähigkeit ist keine Schwäche. Sie ist die Grundlage unserer Glaubwürdigkeit. Aber sie reicht nicht mehr allein.

Ingenieurinnen und Ingenieure der Zukunft werden nicht nur rechnen, modellieren und prüfen. Sie werden auch übersetzen müssen: zwischen Politik und Technik, zwischen Bauherrschaft und Gesellschaft, zwischen Daten und Verantwortung, zwischen künstlicher Intelligenz und menschlichem Urteil, zwischen unterschiedlichen Kulturen, Interessen und Erwartungen.

Gerade durch die künstliche Intelligenz wird diese Rolle wichtiger. Wenn Maschinen schneller rechnen, Varianten erzeugen und Modelle analysieren, wird der Mensch nicht überflüssig. Seine Aufgabe verschiebt sich. Er muss die richtigen Fragen stellen, Ergebnisse einordnen, Verantwortung übernehmen, Widersprüche erkennen und erklären, was ein Modell für Menschen, Räume und Gesellschaft bedeutet. Die Zukunft braucht deshalb nicht weniger Menschlichkeit in der Technik. Sie braucht mehr davon.

Das ist auch eine Chance, die Profession zu öffnen: für mehr Frauen, für unterschiedliche Biografien, für Menschen, die analytisch stark sind, aber zugleich zuhören, vermitteln, führen, Brücken bauen und soziale Komplexität verstehen können. Nicht als Gegensatz zur technischen Exzellenz, sondern als deren Erweiterung. Die grossen Aufgaben der kommenden Jahre sind keine rein technischen Gleichungen. Sie sind menschliche, politische, ökologische und wirtschaftliche Systeme. Und solche Systeme brauchen Ingenieurinnen und Ingenieure, die mehr können als rechnen. Sie müssen tragfähige Lösungen möglich machen.

Andrea Galli beendet 2026 sein vierjähriges Mandat als Präsident von suisse.ing. In seinem Rückblick plädiert er dafür, technische Kompetenz stärker ins Zentrum gesellschaftlicher und politischer Zukunftsfragen zu rücken.

Den gesamten Beitrag von Andrea Galli findet sich auf seinem LinkedIn Profil:

Andrea Galli, Vorstandsmitglied Bauenschweiz