22. Jun 2023

Kulturwandel gut gestartet, Schwung nicht verlieren

Die zweite Ausgabe des Vergabemonitors berücksichtigt neben dem Bund auch erste Kantone, macht Ergebnisse besser vergleichbar und methodisch verlässlicher. Das Beispiel der Nachhaltigkeitskriterien zeigt auf, dass der Kulturwandel im Vergleich zu den ersten Monaten nach Inkrafttreten an Schwung verloren hat.

Vergabemonitor 2. Ausgabe

Seit Ende 2022 untersucht Bauenschweiz im Vergabemonitor der Schweizer Bauwirtschaft anhand zehn ausgewählter Indikatoren, ob der mit der Totalrevision des öffentlichen Beschaffungswesens geforderte Kulturwandel – weg vom Preis, hin zu mehr Qualität und Nachhaltigkeit – in Ausschreibungen der öffentlichen Hand sichtbar wird.

Vergabemonitor Frühjahr 2023

Mit der zweiten Ausgabe vom Frühjahr 2023 wurden Daten der Ausschreibeplattform simap.ch ab Anfang 2018 bis Ende März 2023 ausgewertet. Das Modell wurde weiterentwickelt und berücksichtigt nebst dem Bund erstmals auch jene Kantone, in denen die Revision bis Oktober 2022 in Kraft getreten ist und zudem Daten auf Simap vorhanden sind. Die Daten wurden weiter nach Baubranchen (Baugewerbe, Ingenieurwesen, Architektur) aufgeschlüsselt.

Zusätzlich zur besseren Vergleichbarkeit zwischen Bund, Kantonen und den Baubranchen, wurde die Aussagekraft der Ergebnisse verbessert, indem die Unterschiede der jeweiligen Mittelwerte vor und nach Inkrafttreten der Revision auf ihre Signifikanz und Richtungsstärke hin untersucht wurden.

Auf den ersten Seiten der Vergabemonitors wird die Methodik kurz zusammengefasst und im Anhang detailliert.

Abschwächung im zeitlichen Trend 

In der zeitlichen Entwicklung ist eine sprunghafte Zunahme der Nachhaltigkeitskriterien beim Bund ab Inkrafttreten des Bundesgesetztes (BöB) im Januar 2021 zu sehen. Sämtliche Baubranchen profitierten davon überdurchschnittlich. Fast jede dritte Architekturausschreibung und jeder zehnte Bau- bzw. Ingenieurauftrag enthielt Nachhaltigkeitskriterien in der Publikation auf simap.ch. Zugleich wird aber sichtbar, dass sich dieser positive Trend abschwächt. Ab Ende 2022 verlor das Zuschlagskriterium Nachhaltigkeit bei Bau- und Architekturaufträgen weiter an Schwung. Es werden dabei nur die direkt auf Simap publizierten Daten berücksichtig. Die verlinken Ausschreibungsunterlagen werden nicht erfasst.

Nachhaltigkeitskriterien in öffentlichen Aufträgen des Bundes


So erfreulich die über weite Strecken hinweg beobachteten Zunahmen nach der Revision auf Bundesebene sind, sosehr sollten die rückläufigen Trends mit Sorge beobachtet werden. Ursachen für diese Entwicklung können vielseitiger Natur sein und nicht direkt durch die Untersuchung erklärt werden.

Möglicher Innovationschub zu Beginn des Inkrafttretens

Eine Erklärung könnte darin liegen, dass mit den Neuerungen aus der Revision vermehrt Pilotprojekte umgesetzt wurden. Dies könnte zu einem besonders stark ausgeprägten Anstieg in der Zeit kurz nach Inkrafttreten führen. Zu erwarten wäre dann, dass der Einsatz der untersuchten Neuerungen sich auf höherem Niveau als vor Inkrafttreten einpendelt.

Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

Weitere Erklärungen wären die aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen. So könnten steigende Kosten, Material- und Lieferengpässe sowie eine Änderung der Prioritäten dazu führen, dass die Umsetzung des Kulturwandels im Beschaffungswesen sowohl bei Auftraggeber:innen als auch Anbieter:innen in den Hintergrund rückt. Hier wäre zu erwarten, dass die Bemühungen bei einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage wieder an Fahrt gewinnen.

Qualitätsförderung bedeutet auch Innovation im Vergabeprozess

Gerade in unsicheren Zeiten wie heute ist es besonders wichtig, den Kurs vor Augen zu behalten. Das neue Vergaberecht fordert eine stärkere Berücksichtigung qualitativer Vergabekriterien, insbesondere auch der Nachhaltigkeit. Diese Zielvorgaben müssen auch während Krisenzeiten, wo immer möglich, realisierbar bleiben. Die Innovation im Vergabewesen selber muss eine konstante Grösse bleiben, wozu Pilotprojekte einen wesentlichen Beitrag leisten.

Kritische Rückmeldungen und Änderungsvorschläge erwünscht

Die Ergebnisse machen deutlich, wie wichtig eine systematische Datenauswertung in Bezug auf die Realisierung des angestrebten Kulturwandels im Beschaffungswesen ist. Sie bieten ein Instrument für Vergabebehörden und die Bauwirtschaft gleichermassen, um allfällige Kurskorrekturen vorzunehmen.

Um den Kurs zu halten, braucht es einen verstärkten Austausch zwischen den Vergabebehörden und der Baubranche. Die Untersuchungsergebnisse sollen dabei helfen, diesen Austausch zu versachlichen und Prioritäten zu setzen.

Kritische Rückmeldungen und konstruktive Änderungsvorschläge sind dabei ausdrücklich erwünscht. Auch der Vergabemonitor der Schweizer Bauwirtschaft zeigt mit seiner zweiten, weiterentwickelten Ausgabe, dass dieser Anspruch von Bauenschweiz gelebt wird.