05. Jul 2023

«Unser Netzwerk funktioniert»

«Unser Netzwerk funktioniert»

Interview mit Hans Wicki, Ständerat und Präsident von Bauenschweiz

Herr Wicki, Lieferengpässe und volatile Preise sind immer wiederkehrende beschäftigende Themen. Gerade auch die letzten zwei Jahre waren eine anspruchsvolle Zeit. Wie gehen Sie mit solchen herausfordernden Situationen um?

Für die politische Arbeit muss man sein Netzwerk in guten Zeiten aufbauen und festigen, damit man in solchen Situationen auch erfolgreich agieren kann. So kann man über die Fraktionsgrenzen hinaus Lösungen finden und damit für die Wirtschaft rasch reagieren. Mit Blick auf die Bauwirtschaft können wir stolz auf das Erreichte sein – unser Netzwerk funktioniert und die Branche kann ihre Bedürfnisse gut im Parlament anbringen. Während der herausfordernden Pandemie konnte sich die Bauwirtschaft zudem als starke Stütze der Schweizer Wirtschaft beweisen. Wir haben es wiederholt geschafft, mit Improvisation und Innovation Einschränkungen, Lieferengpässe und volatile Preise abzufedern.

Auch das Jahr 2023 wird uns fordern. Der Krieg in der Ukraine hatte für die Region und das restliche Europa bereits 2022 starke Folgen für die Energieversorgung und Lieferketten. Wie reagiert die Bauwirtschaft in diesem fordernden Umfeld?

Ich schliesse bei meiner Antwort auf die vorherige Frage an. Die Unternehmen haben zusammen mit den Bauherren gut reagiert. Die Herausforderungen wurden früh und partnerschaftlich angesprochen und gemeinsam angepackt. Dafür setzten wir uns als Dachverband ein. Zusammen mit den Bauherrenorganisationen KBOB und IPB verabschiedeten wir einen Aufruf zu einer unkomplizierten und partnerschaftlichen Zusammenarbeit auf den Projekten – gerade auch mit Blick auf die Lieferengpässe und die sprunghaften Preise. Unsere Mitglieder, dazu gehört auch suisse.ing, arbeiteten aktiv an konkreten und praxisnahen Handlungsempfehlungen mit.

Weiter wird Sie auch die Umsetzung des neuen Beschaffungsrechts beschäftigen. Wie unterstützen Sie den Kulturwandel zum nachhaltigen Beschaffungsrecht?

Wir arbeiten über alle Teilbranchen mit unseren Mitgliedsverbänden zusammen. Letztes Jahr konnten wir zwei wichtige Schritte realisieren. Zusammen mit Dr. Mario Marti hat Bauenschweiz eine rechtliche Umsetzungshilfe publiziert. Sie kurbelt den Dialog zum Thema an und bietet zum Beispiel bei einer Auslegeordnung zum Zuschlagskriterium Nachhaltigkeit eine wichtige Grundlage. 

Zweitens, haben wir zusammen mit interessierten Mitgliedsverbänden einen Vergabemonitor initiiert. Anhand einer zeitnahen, datenbasierten und übergeordneten Analyse der Ausschreibungen wird der Fortschritt gemessen. So schaffen wir eine Diskussionsgrundlage, um Beschaffungsstellen sowie AnbieterInnen für Veränderungen zu sensibilisieren. Zudem arbeiten wir wo immer möglich an Umsetzungshilfen der KBOB für die Beschaffungsstellen mit. So auch beim Zuschlagskriterium Nachhaltigkeit.

Sind sich die Bauwirtschaft und öffentlichen Bauherren sowie weitere Behörden immer einig?

Nein, das sind wir nicht. Wir als Bauenschweiz sind aber überzeugt, dass uns der Dialog grundsätzlich weiterbringt als die Konfrontation. Aus diesem Grund sind wir zum Beispiel auch offen und direkt auf das Sekretariat der WEKO zugegangen, als wir Ende Jahr von einer Einschätzung zum Zuschlagskriterium der «Verlässlichkeit des Preises» erfahren haben. In unserer Beschaffungsgruppe haben wir mit Unterstützung von Dr. Mario Marti eine Auslegeordnung erarbeitet, haben sie der WEKO vorgestellt und damit einen Dialog gestartet.

Das Zuschlagskriterium wurde übrigens seit 2020 gemeinsam in Arbeitsgruppen mit der KBOB intensiv diskutiert und dabei sind die Erfahrungen aus der Praxis eingeflossen. Im Ergebnis wurde ein Modell beschrieben und für die Anwendung durch die Beschaffungsstellen zugänglich gemacht.

Hinter diesem Modell steht die Überlegung, dass Tiefpreisangebote nicht «verlässlich» sind, sondern in aller Regel mit Nachträgen und Streitigkeiten weitere Kosten generieren. Das Kriterium der «Verlässlichkeit des Preises» will damit einen Beitrag leisten zur neuen Vergabekultur.

Lassen Sie mich bitte – unabhängig von diesem Beispiel – die Bedeutung des Dialogs zwischen Industrie und Bauherren unterstreichen. Wir stecken mitten in einem beschleunigten Wandel mit grossen gemeinsamen Hausaufgaben. Unter anderem müssen wir den Gebäude- und Infrastrukturpark zum Beispiel in Sachen Nachhaltigkeit und Emissionen fit machen. Dazu braucht es bei jedem Bauobjekt einen klaren Fokus auf die Nachhaltigkeit in den Säulen Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. An diesem «Karren» müssen Beschaffer und Anbieter gemeinsam ziehen.

Was beinhaltet dieser Wandel und wie packen wir diesen an?

Meine Auflistung ist nicht abschliessend und soll nur ansatzweise aufzeigen, wie stark wir als Industrie heute und in den kommenden Jahren gefordert sind: Wir sind zur Unterstützung der nationalen Nachhaltigkeitsziele unter anderem aufgefordert, einen wichtigen Beitrag mit emissionsarmem, zirkulärem und ressourcenschonendem Bauen zu leisten und unsere Wertschöpfungskette auf
Netto Null zu bringen. Die digitalen Werkzeuge wie BIM entwickeln sich in einem hohen Tempo und ermöglichen neue Wege, Daten zu erheben, diese zu teilen und Prozesse und Methoden neu zu denken.

Weitere Rahmenbedingungen prägen die Bauwirtschaft noch intensiver als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Komplexität von Bauprojekten nimmt zu. Mit der wachsenden Bevölkerung verändern sich zudem Ansprüche an Wohnen und Arbeiten und es braucht eine Siedlungsentwicklung nach innen. Der sich manifestierende Klimawandel mit seinen Auswirkungen wie häufigere Hitzesommer, starken Niederschlägen und vermehrte Trockenheit fordert einen widerstandfähigen Gebäude- und Infrastrukturpark. Und wie Eingangs diskutiert: Lieferengpässe, volatile Energiepreise und eine generell instabilere Welt- und Finanzwirtschaft fordern uns zusätzlich.

Es braucht aus Sicht Bauenschweiz einen «Ruck» durch unsere Reihen. Wir sind überzeugt, dass wir diese zunehmende Komplexität im Bauen und Bewirtschaften von Infrastrukturen und Gebäuden nur stemmen, wenn wir uns koordinieren, partnerschaftlich zusammenarbeiten und sich alle am Bau Beteiligten mit gleichen Zielen und Werten begegnen.

Ich sehe diese Herausforderungen übrigens als Chance für unsere Industrie. Es stimmt, wir müssen viel Leisten, können aber die Lebensqualität in unserem Land mitgestalten und sind dadurch eine enorm spannende Branche mit attraktiven Berufen.

Gleichzeitig bleiben die politischen Dossiers nicht liegen. Woran arbeitet Bauenschweiz im laufenden Jahr?

Anfangs Jahr mache ich für unsere Mitgliedverbände jeweils einen persönlichen Ausblick aufs Jahr. Ich möchte daraus das Folgende hervorheben: Neben der Umsetzung des Beschaffungsrechts auf allen drei föderalen Stufen und energiepolitischen Themen werden uns vor allem zwei Dossiers fordern, nämlich das Thema Kreislaufwirtschaft und die Modernisierung des Gebäudeparks. Dazu gehört sowohl die Teilrevision des Umweltschutzgesetzes (USG) mit Fokus Kreislaufwirtschaft, an deren Vernehmlassung Bauenschweiz teilnahm, als auch die Revision des CO2-Gesetzes für die Zeit nach 2024.

Damit die Sanierungsquote von drei Prozent bei den Gebäuden erreicht werden kann, müssen bestehende Hürden und Regulierungen abgebaut werden. Weiter müssen wir den Entscheid mitgestalten, ob der Landschaftsinitiative mit RPG 2 (Bauen ausserhalb der Bauzone) ein Gegenvorschlag gegenübergestellt wird. Dann steht die parlamentarische Debatte zum Bauvertragsrecht vor der Tür, die im ersten Halbjahr mit einer Anhörung in der Rechtskommission des Nationalrates gestartet ist. Zudem müssen wir den Druck erhöhen, damit die dringend notwendigen Anpassungen beim Kartellrecht gemacht und so die überwiesenen Motionen Wicki und Français umgesetzt werden und zu guter Letzt müssen wir uns auf die Revision der Bauprodukteverordnung und damit den Nachvollzug der EU-Vorgaben vorbereiten.



Erstpublikation: suisse.ing news (Ausgabe 1, Mai 2023)

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suisse.ing news 

Die Zeitschrift enthält kurze Beiträge aus dem wirtschaftlichen, politischen und juristischen Interessenfeld der Planer- und Ingenieurbranche.

Sie 
erscheint dreimal jährlich jeweils auf Deutsch und Französisch.