08. Feb 2022
Mit Rethink_ing hat die usic einen Think Tank geschaffen mit dem Ziel, einen Beitrag zur Erreichung der Sustainable Development Goals zu leisten. Im Gespräch mit Lea Kusano erklären zwei Vertreter:innen, weshalb die usic einen Think Tank als Instrument gewählt hat, was das innerhalb des Verbands ausgelöst hat und warum es eine Diversität an Meinungen braucht.
Dr. Katrin Muff, Direktorin des Institute for Business Sustainability und Professor of Practice an der LUISS Business School in Rom, und Pierre Epars, CEO von BG Ingénieurs Conseils SA, im Gespräch mit Lea Kusano, usic.
Dr. Katrin Muff
Die usic hat sich der Herausforderung gestellt, das Bild des Ingenieurs/der Ingenieurin zu ändern und zwar so, dass gesellschaftliche Akteure und die Jungen verstehen, dass IngenieurInnen sehr kompetente Partner bei Lösungen unserer grossen Probleme sind. Die Innovations-Workshops hatten zum Ziel, diese neue Kompetenz zu lernen, zu leben und mit interessierten Akteuren zu teilen. Eine mutige Art, lernend neue Wege zu begehen. Diese Workshops sind Sinnbild des oft verlangten „walk the talk“.
Pierre Epars
Für einen Verband wie die usic ist es wichtig, eine Plattform aufzubauen, die es ihm ermöglicht, sich mit den grossen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen und so sein Image als dynamischer und wertschöpfungsorientierter Verband zu stärken. Mit diesem Think Tank zeigt die usic, dass man sich an sie wenden kann, um über Querschnittsthemen nachzudenken und Lösungen vorzuschlagen.
Die grossen Themen der Gesellschaft wie globale Erwärmung, Urbanisierung, nachhaltige Städte oder auch Mobilität erfordern einen neuartigen, transversalen und interdisziplinären Ansatz. Klassische Arten der Problemlösung sind nicht mehr praktikabel. Der Austausch zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen führt zu solideren Antworten.
Dr. Katrin Muff
Ein Think Tank (oder eine InnoMeet-Session vielleicht besser gesagt) ist nur so gut, wie er auf eine Diversität der Meinungen, Perspektiven, Weltbilder und Ansprüchen zurückgreifen kann. Jegliches InnoMeet mit nur einer Stakeholder-Gruppe wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, ob diese nun IngenieurInnen sind oder nicht.
Pierre Epars
Die gesellschaftlichen Herausforderungen lassen sich allein aus Sicht von IngenieurInnen nicht bewältigen. Es ist notwendig, alle Interessengruppen in den Prozess einzubeziehen, um gesellschaftlich und technisch akzeptable Lösungen zu finden.
Anderseits möchte die usic die Berufe der IngenieurInnen und ihre Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, besser kommunizieren. Dafür gibt es nichts Besseres, als sich im Rahmen des Think Tanks mit Personen aus ganz unterschiedlichen Bereichen auszutauschen. Eine Lösung schliesst menschliche, soziale, ökologische, technische, wirtschaftliche und politische Aspekte ein.
Dr. Katrin Muff
Der usic Vorstand und der Beirat des Think Tanks haben aus den brennenden Nachhaltigkeitszielen der UNO, die Sustainable Development Goals (SDG), das für sie Wichtigste herausgesucht und beschlossen, damit die InnoMeet-Workshop Serie im Jahr 2021 zu beginnen. Das Thema hiess „SDG 11: Nachhaltige Städte“. Natürlich gibt es noch andere wichtige Themen, wo IngenieurInnen einen wichtigen Beitrag leisten können. So plant die usic im nächsten Think Tank sich dem Thema Mobilität zu widmen, welches wiederum einen wichtigen Beitrag zur Lösung der SDGs hat.
Pierre Epars
Der usic-Vorstand hat beschlossen, diesen Think Tank zu entfalten, um sich mit nachhaltiger Entwicklung und den damit verbundenen, in den Sustainable Development Goals der UNO zusammengefassten grossen Themen zu befassen. Unter diesen Themen haben der Vorstand und der Beirat beschlossen, der nachhaltigen Stadt, der „Sustainable City“, Priorität einzuräumen. Dieses komplexe Thema gehört zweifellos zu den grossen Herausforderungen der Menschheit.
Dr. Katrin Muff
Über die Zeitspanne von einem Jahr haben wir vier InnoMeet-Workshops durchgeführt. Diese folgten der Theory U von Otto Scharmer wobei wir uns im ersten Workshop alle Perspektiven zum Thema anhörten und danach in einem gemeinsamen Visioning die ideale Version einer Stadt entwarfen. Im zweiten Workshop ergänzten wir diese Vision mit zusätzlichen Akteuren, die neu dabei waren und definierten grobe Themenbereiche, um zu einer idealen Stadt zu kommen. Der dritte und vierte Workshop waren dem Protoyping gewidmet, wobei wir uns erst auf zwei Themenbereiche fokussierten und danach in sukzessiven Sessions fünf konkrete Lösungen entwarfen. Diese Lösungen sollen der usic und ihren Mitgliedern helfen, einen positiven Beitrag zur Realisierung nachhaltiger Städte zu leisten.
Pierre Epars
Dieses spannende, ganz der nachhaltigen Stadt gewidmete Jahr war meiner Meinung nach für viele Teilnehmende ein Erfolg. Dank der erwähnten Diversität konnten wir uns über ein äusserst komplexes Thema wie die Stadt und ihre nachhaltige Umgestaltung austauschen. Für viele war dieses gemeinsame Vorgehen eine angenehme Überraschung. Wir lernten uns besser kennen, konnten uns frei austauschen und uns nach vier erstklassigen Workshops auf Aktionen einigen, für welche die usic als Trägerin infrage käme. Vom sehr allgemeinen Austausch sind wir zu gezielten Aktionen gelangt, um aus dieser Komplexität Lösungen zu entwickeln. Man muss die grosse Bedeutung des Organisators eines Think Tanks anerkennen. Es ist Beruf für sich, ohne diese Kompetenzen werden die Ergebnisse den Erwartungen nicht gerecht. Katrin Muff hat uns dabei mit Unterstützung von Lea Kusano auf bewundernswerte Art geführt.
Dr. Katrin Muff
Der vierte InnoMeet Workshop fand im Beisein von mehreren CEOs statt, welche sich die Prototyp-Ideen bereits im dritten Workshop angehört hatten. Diese CEOs waren bereit, sich als Gotte oder Götti für jeweils eine der fünf finalen Lösungsideen zur Verfügung zu stellen. Dieses Engagement ist entscheidend um die entwickelten Lösungsideen nach Gutheißen des usic Vorstands konkret umzusetzen. Bei der letzten Beiratssitzung war ich vor allem auch von der Energie der jungen IngeneurInnen begeistert, welche die tolle Idee hatten, dass unbedingt auch grad die junge Generation diese Lösungsideen gemeinsam mit den CEOs dem usic Vorstand pitchen sollte. Die Lösungen und die Energie zur Umsetzung sind da - nun braucht es die nötigen Ressourcen um diese auch wirklich zu realisieren.
Pierre Epars
Die aus diesen vier Workshops hervorgegangenen Lösungsideen wurden noch nicht innerhalb unseres Verbandes und natürlich auch nicht nach aussen kommuniziert. Daher ist es schwierig, ein Feedback über die Aufnahme oder die Resonanz auf diese Aktionen zu geben. Ich kann jedoch sagen, dass diese Aktionen von denjenigen, die in irgendeiner Weise an den Workshops teilgenommen haben, sehr gut aufgenommen wurden. Wie Katrin Muff erwähnt, ist für mich die Tatsache, dass mehrere CEO von Ingenieurbüros, die zwar Mitglieder der usic sind, aber nicht an den Workshops teilgenommen haben, diese Aktionen nicht nur unterstützen, sondern sich auch als persönliche Sponsoren zur Verfügung stellen, eine erste Antwort auf die Frage. Andererseits sind auch die jungen IngenieurInnen, mit denen ich im Anschluss an die Workshops reden konnte, ebenfalls motiviert und voller Energie, diese Aktionen zu unterstützen.
Dr. Katrin Muff
Es ist noch etwas schwierig und früh zu sagen. Was ich an den InnoMeet Workshops erleben durfte, gibt mir grosse Hoffnung. Die IngeneurInnen wissen worum es geht, haben die nötigen Kontextkenntnisse in der Nachhaltigkeit und das Herzblut, um ihre berufliche Karriere in den Dienst der Verbesserung der Gesellschaft und der Umwelt zu stellen. Sie müssen sich noch Ko-kreations-Kompetenzen aneignen, das ist aber bei ihrer Energie und Willen überhaupt kein Problem. Wir alle müssen immer wieder neu lernen, denn die Welt fordert uns immer wieder neu heraus. Die junge Generation der IngeneurInnen wird mit ihrer Energie auch den Nachwuchs dazu motivieren, Veränderungen im Beruf anzunehmen und ihrerseits Einfluss zu nehmen.
Pierre Epars
Der usic-Vorstand hatte den Mut, dieses Think-Tank-Projekt zu unterstützen, das sowohl für unseren Verband als auch für die IngenieurInnen ein neuer Ansatz ist. Die Behandlung dieses ersten Themas der nachhaltigen Stadt hat gezeigt, dass die usic Raum für Dialog, Austausch, Lösungssuche und Aktionen bieten kann, um wichtige Themen unserer Gesellschaft zu tragen. Die IngenieurInnen sind zwar nicht immer grosse KommunikatorInnen, haben aber gezeigt, dass sie es sein können und in einem kollaborativen Raum wie dem Think Tank viel Mehrwert schaffen können. Da sie es gewohnt sind, mit Komplexität umzugehen, können sie auch Wege finden, um Aktionen zu bestimmen, die ein Teil der Lösung sind.
Dank dieser Fähigkeit, aber auch der Neugier und Energie, die dieser Think Tank veranschaulicht hat, sehe ich die usic in 10 Jahren immer noch als einen Verband, der die Interessen dieses grossartigen Berufsstandes vertritt. Aber er wird bei allen Beteiligten an grossen gesellschaftlichen Projekten besser bekannt und auch gefordert sein, Ansätze und Antworten auf die grossen Herausforderungen zu liefern.
Dr. Katrin Muff ist Direktorin des Institute for Business Sustainability und Professor of Practice an der LUISS Business School in Rom. Sie arbeitet als Beraterin für Führungskräfte und Verwaltungsräte im Bereich Nachhaltigkeit und Strategische Transformation. Dr. Katrin Muff leitet zusammen mit Dr. Thomas Dyllick den Weiterbildungslehrgang „Diploma in Advanced Sustainability“. Sie war zuvor 10 Jahre Dekanin der Business School Lausanne. Ihr Buch„Five Superpowers for Co-creators“ ist Zeugnis ihrer Erfahrung im Bereich Stakeholder Engagement, Facilitation und Coaching für Positive Impact. Sie hat 20 Jahre internationale Business Erfahrung im Bereich Strategie und Management in Australien, den USA, Russland, Osteuropa und den Niederlanden bei den Firmen Schindler, ALCOA und Procter & Gamble. Dr. Katrin Muff setzt sich für den positiven Beitrag von Firmen für die Gesellschaft und Umwelt ein.

Pierre Epars ist CEO von BG Ingénieurs Conseils SA. Er ist Bauingenieur (EPFL), verfügt über ein MBA (Uni Lausanne), trat 1989 bei BG Ingénieurs SA ein und wurde im Jahr 2000 als Leiter des Bereichs Hochbau & Energie in die Generaldirektion aufgenommen. Während seiner Karriere bei BG hat er mit seinen Teams zahlreiche komplexe und multidisziplinäre Projekte geleitet. Er hat neue Märkte entwickelt und Kompetenzen innerhalb der Firma aufgebaut, strategisch wichtige Unternehmensübernahmen initiiert und erfolgreich zahlreiche Grossprojekte im Infrastruktur- und Umweltbereich geleitet. Durch seine zahlreichen Erfahrungen und Tätigkeiten weist er ein breites Fachwissen und einen wachen Untermehrgeist aus.
Pierre Epars ist Mitglied des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung. Zudem ist er in zahlreichen anderen Gremien aktiv, dazu gehört unter anderem die usic, das CVCI, das ERL, die HEIG-VD, das EPFL, die SwissRailvolution und das Cargo Souterrain.