27. Jan 2023

Höchste Zeit für Koordination und Zusammenarbeit

Wir brauchen noch mehr Koordination, gemeinsame Werte und partnerschaftliche Zusammenarbeit, um aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu stemmen und die damit verbundenen Chancen zu packen.

Hans Wicki, Präsident Bauenschweiz

Bauenschweiz ist der Dachverband der Schweizer Bauwirtschaft mit Mitgliedsverbänden aus den Bereichen Planung, Bauhauptgewerbe, Ausbau und Gebäudehülle sowie Produktion und Handel. Die Bauwirtschaft trägt 12% zur gesamten Schweizerischen Wirtschaftsleistung bei und beschäftigt rund 465’000 Fachkräfte. Sie zählt zu den fünf grössten Arbeitgebern und bildet 10% aller Lernenden in der Schweiz aus. Bauenschweiz repräsentiert damit die Bauwirtschaft als wichtigen und innovativen Wirtschaftssektor. Wir sind die Schnittstelle bei Anliegen der gesamten Wertschöpfungskette und vertreten die Interessen unserer über 70 Mitgliedverbände gegenüber nationaler Politik und Behörden. Unsere Wertschöpfungskette ist lang, mit zahlreichen Schnittstellen. Dabei müssen viele Zahnräder perfekt ineinandergreifen, um die Qualität bei Bauvorhaben sicherzustellen.

Diese Einleitung alleine würde ein Plädoyer für noch mehr Kooperation und Zusammenarbeit rechtfertigen. Es gibt aber auch Stimmen, die betonen, wie gut es uns geht, wie viel Arbeit wir haben, und wie erfolgreich wir – gemessen am Schweizer Bruttoinlandprodukt– heute sind. Diese Stimmen schlussfolgern, dass es keine weiteren Anstrengungen oder Veränderungen in unserer Industrie braucht.

Demgegenüber stellt Bauenschweiz an der Infra-Tagung 2023 die folgende sehr übergeordnete These in den Raum: Wir brauchen noch mehr Koordination, gemeinsame Werte und partnerschaftliche Zusammenarbeit, um aktuelle und zukünftige Herausforderungen zu stemmen und die damit verbundenen Chancen zu packen.

Die Bauwirtschaft befindet sich in einem gleichermassen von aussen und innen beschleunigten Wandel mit gemeinsamen Herausforderungen, aber auch Chancen für eine aktive Mitgestaltung der Lebensqualität in unserem Land. Diese Auflistung ist nicht abschliessend und soll nur ansatzweise aufzeigen, wie stark wir als Industrie heute und in den kommenden Jahrzehnten gefordert sind.

  • Wir sind zur Unterstützung der nationalen Nachhaltigkeitsziele unter anderem aufgefordert, einen wichtigen Beitrag mit emissionsarmem, zirkulärem und ressourcenschonendem Bauen zu leisten und unsere Wertschöpfungskette auf Netto Null zu bringen.
  • Damit verbunden sind wir mit der Modernisierung des Infrastruktur- und Gebäudeparks mitten in einer spannenden Herkulesaufgabe und aufgefordert Energiequellen zu schaffen.
  • Gemeinsam mit den öffentlichen Bauherren sind wir gefordert, auf allen drei föderalen Ebenen den Preiswettbewerb abzulösen und Zuschlagskriterien wie Nachhaltigkeit oder Lebenszyklus praxisnah in den Fokus zu rücken.
  • Die digitalen Werkzeuge wie BIM entwickeln sich in einem hohen Tempo und ermöglichen neue Wege, Daten zu erheben, diese zu teilen und Prozess und Methoden neu zu denken.
  • Wie alle Wirtschaftszweige haben auch wir einen hohen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften, die wir möglichst lange in unseren Berufen halten wollen. Wir sind gefordert als, attraktive Arbeitgeberin mit den sich wandelnden Bedürfnissen am Arbeitsmarkt Schritt zu halten.


Weitere Rahmenbedingungen prägen die Bauwirtschaft noch intensiver als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Komplexität von Bauprojekten nimmt zu. Mit der wachsenden Bevölkerung verändern sich zudem Ansprüche an Wohnen und Arbeiten und es braucht eine Siedlungsentwicklung nach innen. Der sich manifestierende Klimawandel mit seinen Auswirkungen wie häufigere Hitzesommer, Starkniederschläge und vermehrte Trockenheit fordert einen widerstandfähigen Infrastruktur- und Gebäudepark. Lieferengpässen, volatilen Energiepreisen und einer generell instabilen Welt- und Finanzwirtschaft fordern uns zusätzlich.

Um weiterhin erfolgreich in diesem Wandel und den sich verändernden Rahmenbedingungen arbeiten zu können, braucht es aus Sicht Bauenschweiz einen «Ruck» durch unsere Reihen. Bauenschweiz ist überzeugt, dass wir diese zunehmende Komplexität im Bauen und Bewirtschaften von Infrastrukturen und Gebäuden nur stemmen, wenn wir uns koordinieren, partnerschaftlich zusammenarbeiten und sich alle am Bau Beteiligten mit gleichen Werten begegnen.

Dass wir dies können und dass sich der Einsatz lohnt, haben wir in den letzten drei Jahren bewiesen. Wir haben es wiederholt geschafft, mit Improvisation, Innovation und einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit Lieferengpässe und volatile Preise abzufedern. Darauf können wir stolz sein. Während der herausfordernden Pandemie 2020 und 2021 konnte sich die Bauwirtschaft als starke Stütze der Schweizer Wirtschaft bewiesen. 2022 hat uns erneut gefordert. Der tragische Krieg in der Ukraine hat für die Region und das restliche Europa starke wirtschaftliche Folgen, die sich zusammen mit den Sanktionen gegen Russland auf den Welthandel auswirken. Die Folgen spüren wir immer noch in der täglichen Arbeit und bei der Energieversorgung. Es braucht nicht nur in diesen aussergewöhnlichen Zeiten noch mehr partnerschaftliche Zusammenarbeit in gegenseitiger Fairness, unkompliziert und mit Augenmass.

Gemeinsam gilt es

  • partnerschaftliche und projektorientierte Zusammenarbeit innerhalb der Wertschöpfungskette und mit den Bauherren zu fördern
  • Offenheit für neue Zusammenarbeitsmodelle einzufordern, diese vermehrt anzuwenden und Erfahrungen dazu zu sammeln
  • Planer und Unternehmen früh über gemeinsame Projektziele einzubinden und damit auch Anbieterlösungen zu integrieren
  • aus vergangenen Projekten zu lernen und Wissen entlang der Wertschöpfungskette zu teilen
  • die digitalen Instrumente wie BIM als Chance für die Zusammenarbeit und die Nachhaltigkeitsziele zu sehen
  • ideologische Grabenkämpfe zu vermeiden
  • einen fairen und anständigen Umgang pflegen

Die Übergänge von der Planung, Bauherrschaft und ausführenden Unternehmen werden damit noch reibungsloser, mit tieferen Kosten, weniger Nachforderungen und weniger Reibungsverlusten im Baustellenprozess.
Bauenschweiz ist nicht der erste Akteur mit solchen Voten. Viele Mitgliedverbände wie Infra Suisse, usic, Entwicklung Schweiz, SBV oder auch die Kommission SIA 118 arbeiten an Empfehlungen, konkreten Vertragsmodellen oder Umsetzungshilfen. Es ist aber Aufgabe eines Dachverbandes einen «Ruck» auszulösen, die Initiativen der Mitglieder zu stützen und eine Plattform für den Austausch innerhalb der Branche aber auch mit den Bauherrschaften zu bieten.

Bauenschweiz plädiert dafür, die laufenden Arbeiten zu stützen und sich nicht auf der erfolgreichen Arbeit sowie den vollen Auftragsbüchern auszuruhen. Wir müssen vorausschauend handeln, um die Herausforderungen gemeinsam zu stemmen. Es ist höchste Zeit für noch mehr Koordination und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Es gibt viel zu tun – packen wir es an.

Diese Rede wurde anlässlich der Infra-Tagung 2023 gehalten und in der Tagungsbroschüre erstveröffentlicht.