Am 6. September 2023 fand im ZAZ Bellerive in Zürich ein interaktiver Workshop zum Thema «Open Source in der Architektur» statt, bei dem Experten und Expertinnen sowie Interessierte darüber diskutierten, was die «open» Bewegung für die Bauindustrie und insbesondere Architekten und Ingenieure bedeutet.
Was ist Open Source / die «open» Bewegung?
Open Source umfasst viele verschiedenste Bereiche: Open Code, Open Data, OpenAPI (offene Schnittstellen) oder OpenGOV (Government Data). Was all diese «offenen» Themen vereint, fasst die Open Knowledge Foundation gut zusammen. Es handelt sich stets um:
«Inhalte, Informationen oder Daten, die von den Menschen frei genutzt, wiederverwendet und weiterverbreitet werden können - ohne rechtliche, technische oder soziale Einschränkungen.»
Bei Open Source Software bedeutet das, dass der Code der Öffentlichkeit frei zugänglich ist. Jeder kann ihn ansehen, verändern und weiterverbreiten. Charakteristisch für Open Source ist die dezentrale und kollaborative Vorgehensweise bei der Entwicklung.
In der Tech-Industrie ist die «open» Bewegung schon längst angekommen. Konzerne wie Google, Adobe, Apple, Samsung, Spotify und PayPal (um nur einen Bruchteil zu nennen) setzen auf Open Source. Weshalb?
Da der Quellcode offen und frei zugänglich ist, wird er von Peer-Programmierern ständig geprüft und verbessert. Eine Person oder auch ein ganzes Team oder eine Abteilung in einem Unternehmen kann niemals mit Millionen von aktiven Reviewern mithalten (z.B. Github 75 Mio. User).
Neben Innovation sind weitere Vorteile Transparenz und Flexibilität. Open Source erlaubt es, alles selbst zu prüfen und den Code anzupassen, so dass selbst sehr spezifische Probleme behoben werden können. Nicht zuletzt können Kosten gespart werden, da der Code oder die Software frei verfügbar sind.
Zum Event
Experten und Expertinnen zu vier verschiedenen Bereichen von Open Source und Open Data wurden eingeladen um die Diskussionen im Workshop zu leiten. Nach einer kurzen Vorstellung und Einführung ins Thema konnten sich die Teilnehmenden für eine von vier Dialoggruppen entscheiden und sich dort austauschen. Die Moderation übernahm Jens Bachmann von Coeco.
Mit diesen Leitfragen beschäftigten sich die vier Gruppen:
Bei der digitalen Nachhaltigkeit stellt sich die Frage: Wie müssen digitale Wissensgüter (Daten, Inhalte, Software) erstellt und zugänglich gemacht werden, um den grösstmöglichen Nutzen für die Gesellschaft und Umwelt zu schaffen?
In dieser Gruppe wurde vor allem das Problem einer fehlenden gemeinsamen Sprache thematisiert. Was ist damit gemeint? Bei einem Bau gibt es viele verschiedene Phasen. Vom Entwurf bis zur Fertigstellung können Jahre vergehen, besonders bei Grossprojekten. In jeder einzelnen Planungs- und Bauphase sind andere Informationen gefragt und stehen im Vordergrund. Es werden unterschiedliche Modelle und Software genutzt, was zu enormem Mehraufwand führen kann, da der Datenaustausch nicht funktioniert. Die Planenden und Ausführenden haben zudem nicht unbedingt dasselbe Vokabular und dieselben Bedürfnisse, was Daten und Software betrifft. Oft fehlt das Verständnis füreinander und für Daten.
Die Baubranche sich noch nicht an Kollaboration gewohnt und wenn es doch dazu kommt, dann meist nur «auf Augenhöhe». Dabei könnte man von Open Source viel profitieren, sei es durch die Bereitstellung von Open Data oder Open Software.
Experten
Maximilian Vomhof, Head of Products & Business Development bei vyzn
Thorben Westerhuys, Chief Technology Officer bei luucy AG
Den Teilnehmenden fehlte es nicht an Ideen. Es sammelten sich schnell viele Zettel mit Vorschlägen an Daten, die im Alltag in der Baubranche von grosser Hilfe wären. Einerseits wurden Material-, Plan-, Produkt- und Verbrauchsdaten genannt, aber auch von Normen und Baureglementen war die Rede. Einigen Teilnehmenden schwebte eine Art Bauwikipedia vor. Also ein zentraler Ort, an dem man alle für die Baubranche relevanten Informationen / Rohdaten finden könnte.
In der Schweiz veröffentlichen der Bund, die Kantone und Gemeinden bereits regelmässig Daten. Es handelt sich dabei zum Beispiel um Umwelt- und Wetterdaten, Geodaten, Verkehrsdaten, Haushaltsdaten, Statistiken, Publikationen, Protokolle, Gesetze, Urteile und Verordnungen. Diese werden Open Government Data genannt.
Geodaten beispielsweise sind sicher nützlich für Architekten, Ingenieure und andere am Bau beteiligte. Viele der genannten Wunschdaten werden jedoch noch nicht geteilt. Es wären die privaten Unternehmen in der Verantwortung. Noch schaut dort leider grösstenteils jeder für sich.
Schliesslich findet man, dass alles, abgesehen von privaten Daten, geteilt werden sollte. Mit der Veröffentlichung der Rohdaten ist es jedoch noch nicht getan. Die Daten müssen, damit sie die Effizienz steigern und Zeit und Kosten sparen, übersichtlich sortiert sein (am besten mit einem Verzeichnis) und letztendlich müssen sie les- und vernetzbar gemacht werden. Die Qualität der Daten und Plattform ist essentiell für den Erfolg von Open Data.
Experten
Emilie Boillat, Business Developer Data bei Liip AG
Beat Ostermann, Professor für Open & Linked Data an der Berner Fachhochschule
Open Source Projekte leben von den Contributors, also denjenigen Personen, die bei einer Software den Code ändern und verbessern. Nun ist es aber so, dass Architekten sowie generell die meisten in der Baubranche tätigen Personen keine Programmierer sind. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass dies ein zentrales Problem darstellt. Denn, wenn die Personen, welche die Software täglich nutzen und gebrauchen sollen, nicht aktiv dazu beitragen können, wird die Software wahrscheinlich nicht ihren Bedürfnissen entsprechen. Schliesslich wissen die Nutzer am besten, wo es welche Probleme und Bedürfnisse gibt.
Selbstverständlich gibt es bereits einzelne Open Source Programme, doch diese seien nicht besonders hilfreich, weil etwa Features fehlen, keine Dokumentation vorhanden sei oder die Dateiformate nicht kompatibel mit anderen Programmen seien. Vermutlich ist dies der Fall, weil es zu wenig Contributors hat, da die Interessenten wie schon erwähnt i.d.R. über keine Programmierkenntnisse verfügen. «Die Unis sind zu designlastig», meint dann auch ein Teilnehmer. Allerdings wurde hier in den Raum geworfen, dass künstliche Intelligenz wie beispielsweise ChatGPT eine Chance sein könnte.
Experten
Melanie Geiger, Deputy Manager Director bei data innovation alliance
Miro Dietiker, Gründer von MD Systems GmbH
Als Hindernis wurden ein weiteres Mal fehlende (internationale) Standards genannt. Ein Grund von vielen, weshalb Modelle nicht vergleichbar sind. In diesem Bereich sehen sie für Open Source grosses Potential.
Einige grössere Architekturbüros haben Open Source bereits für sich entdeckt und arbeiten an verschiedenen Tools zusammen. Es wurde aufgezeigt, dass Open Source für Unternehmen durchaus einen wirtschaftlichen Vorteil generieren kann. Durch die Zusammenarbeit und Contributors findet eine Professionalisierung statt, die ansonsten nicht möglich wäre. Denn selbst wenn ein Unternehmen eine kleine IT-Abteilung hat, geht nur schon mit einem Mitarbeiterwechsel oft viel Wissen über dessen Tätigkeitsfeld verloren.
Allerdings wird betont, dass nur prozessorientierte Daten geteilt und ausgetauscht werden. Das Kerngeschäft Design bleibt natürlich privat.
Experten
Michael Drobnik, Lead Design Technologies bei Herzog & de Meuron
Martin Schulte, Architekt und Computational Designer bei Herzog & de Meuron
Wie können wir mit Open Source Lösungen die Architektur voranbringen?
Im Gegensatz zur Tech-Industrie ist die Baubranche noch weit davon entfernt die Möglichkeiten von Open Source auszuschöpfen und aktiv zu nutzen.
Die Ausgangslage ist herausfordernd: Bei den Architektur und Ingenieurbüros in der Schweiz gehören 90% zu den kleinen Unternehmen (< 10 Mitarbeitende). Betrachtet man die gesamte Bauindustrie, so ist das Bild nicht ganz so extrem. Dennoch: Die kleineren und mittleren Unternehmen überwiegen auch dort.
Dies bedeutet, die Unternehmen haben typischerweise wenig Ressourcen, eine lokale Ausrichtung, orientieren sich an bestehenden Normen und haben wenig bis kein Budget für Forschung und Entwicklung – ganz zu schweigen von der Entwicklung digitaler Lösungen.
Kollaboration ist heute in der Branche leider immer noch die Ausnahme anstatt die Regel. Dabei wäre Zusammenarbeit im Sinne aller und dringend notwendig um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen sowie dem Kostendruck zu entgegnen.
Der Open Source Ansatz würde innovative technologische Lösungen ermöglichen und frei verfügbar machen, so dass jedes Unternehmen sie bedarfsoptimiert und kosteneffizient einsetzen könnte.
Eines steht fest «Die Diskussion hört nicht auf» und wenn man die Ergebnisse aus den einzelnen Diskussionen zusammenfassen möchte, bleibt eigentlich nur eine Schlussfolgerung: Mehr partnerschaftliche Zusammenarbeit!
Über die Veranstalter
opensource.construction
Die Initiative opensource.construction hat zum Ziel, den durch die Open Source Bewegung ermöglichten Wandel zu einer digitaleren und innovativeren Bauindustrie zu beschleunigen.
Archverein
Der Archverein hat zum Zweck, engagierte Architektinnen und Architekten zu vereinen und dient als Plattform zum Austausch, zur Entwicklung und zur Förderung von Innovationen.