Bauwirtschaft aktuell, Nr. 34

Nein zur 2. Etappe RPG

Vom 21. Juni bis Ende August 2017 hat der Bundesrat die zweite Etappe der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes in die Vernehmlassung geschickt. Diese widmet sich insbesondere dem Themenbereich „Bauen ausserhalb der Bauzonen" und im Zentrum steht namentlich der neu entwickelte Planungs- und Kompensationsansatz. 

bauenschweiz lehnt die Revisionsvorlage ab. Die Vorlage ist im zentralen Punkt, dem Bauen ausserhalb der Bauzone, unausgereift. Es fehlt ein zukunftsgerichtetes Konzept mit klarer Zielvorstellung für den Umgang mit den Landschaften der Schweiz. 

Den vorgelegte Planungs- und Kompensationsansatz und die Beseitigungsauflage beurteilt bauenschweiz grundsätzlich als Schritt in die richtige Richtung. Die Ansätze sind  aber noch nicht ausgegoren und mit Blick auf den Strukturwandel in der Landwirtschaft auch zu wenig zukunftsorientiert. Den Forderungen zur Verbesserung der Bauqualität ausserhalb der Siedlungen und zum Erhalt des Kulturerbes wird ungenügend Rechnung getragen.

Die Vorlage kommt denn auch zeitlich zu früh, sind doch die Kantone gegenwärtig mit der Umsetzung der Innenentwicklung voll ausgelastet.

Die in die Vernehmlassung geschickten Änderungen zur funktionalen Zusammenarbeit (Stärkung der Planungspflicht) und zur Planung im Untergrund unterstützt bauenschweiz im Grundsatz. Die Interessenabwägung als Planungspflicht einzuführen ist richtig, müsste aber umfassender als in der Vorlage vorgeschlagen, ausgestaltet sein.

Aus diesen Gründen lehnt bauenschweiz die Vorlage ab.

Benjamin Wittwer, Direktor bauenschweiz

NEIN zur Rentenreform 2020

Der Vorstand von bauenschweiz sagt NEIN zur Reform der Altersvorsorge 2020.

Die finanzielle Sicherung des schweizerischen Rentensystems wird mit der vorliegenden Reform nicht erfüllt. Anstatt die strukturellen Probleme der AHV wirklich anzugehen, schiebt die Reform die Problemlösung auf die lange Bank. Die Vorlage hinterlässt den nachkommenden Generationen ein Schuldenloch in Milliardenhöhe. Die in der Reform enthaltene Erhöhung der AHV-Rente für Neurentner um 70 Franken verteuert das System gegenüber heute nochmals deutlich. Eine derartige – auf dem Giesskannenprinzip beruhende – Zusatzausgabe liegt nicht drin.

Auf der Finanzierungsseite soll die Mehrwertsteuer um 0.6% angehoben werden.  Ab 2021 werden auch die Lohnprozente um 0.3 Prozentpunkte erhöht. Damit wurde bei der Vorlage in erster Linie nach zusätzlichen Einnahmenquellen gesucht, anstatt auch Möglichkeiten zu Einsparungen aufzuzeigen.

Was jetzt von Nöten ist, ist eine nachhaltige und tiefgreifende Reform anstelle der vorliegenden Scheinlösung. Aus diesen Gründen empfiehlt bauenschweiz, am 24. September  2017 ein NEIN  zum  Bundesgesetz über die Reform der Altersvorsorge 2020 einzulegen. Im Gleichzug wird ein NEIN zum Bundesbeschluss über die Zusatzfinanzierung der AHV durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer empfohlen.  

Sandra Burlet, stv. Direktorin bauenschweiz

Einkommensschwache Bevölkerungsgruppen bleiben in den städtischen Zentren

Eine Studie zur Wohnmobilität in den Agglomerationen Genf, Lausanne, Bern, Basel, Zürich und Lugano widerlegt die weit verbreitete Annahme, wonach die einkommensschwachen Haushalte zunehmend aus den städtischen Gebieten wegziehen.

Sind die grossen Städte und ihre Agglomerationen für Personen mit niedrigem Einkommen infolge der Verknappung von erschwinglichem Wohnraum zu teuer? Nehmen kaufkräftige Schichten in den Kernstädten tatsächlich zunehmend Überhand? Und wächst aufgrund der räumlichen Umverteilung der Graben zwischen armen und reichen Gemeinden? 

Diese oft gestellten Fragen im Kontext eines in städtischen Gebieten angespannten Wohnungsmarktes bewegten das BWO, die Universität Genf zu beauftragen, die individuelle Wohnmobilität in den Agglomerationen Genf, Lausanne, Bern, Basel, Zürich und Lugano zu untersuchen, dies unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Situation der dort wohnhaften Personen. Analysiert wurden Daten der erwerbsfähigen Personen, die zwischen 2010 und 2014 in einer der sechs Agglomerationen wohnten und umgezogen sind. 

Die Ergebnisse widerlegen weit verbreitete Annahmen. Sie zeigen, dass die Kernstädte mehr Weg- als Zuzüge erwerbstätiger Personen verzeichnen. Vor allem gut situierte Personen verlassen diese zugunsten von wohlhabenden Gemeinden. Diese Weggänge werden teilweise durch den Zuzug von Personen mit niedrigem Einkommen kompensiert. Deren Wohnmobilität unterscheidet sich deutlich von den übrigen Haushalten: Sie wechseln weniger häufig ihren Wohnsitz. Tun sie es trotzdem, so meistens innerhalb ihrer Wohngemeinde, vor allem wenn sie in einer Kernstadt leben. Ziehen sie aus der Kernstadt weg, lassen sie sich vornehmlich in einer anderen, eher ärmeren Gemeinde der Agglomeration nieder.

Die ungleiche Verteilung der verschiedenen Einkommensgruppen ist innerhalb der Agglomerationen unterschiedlich ausgeprägt, hat aber im Zeitraum 2010 - 2014 unter dem Einfluss der Wohnmobilität kontinuierlich zugenommen. In der Romandie und in Basel ist die soziale Segregation grösser. Der hohe Anteil von Umzügen von einkommensschwachen Personen innerhalb der Kernstädte könnte ein Anzeichen sein für eine stärkere Konzentration dieser Bevölkerungsgruppe in bestimmten Quartieren.

Unter dem Titel «Wohnen: Fundament für die gesellschaftliche Integration oder Gefahr der Verarmung?» wird am 9. November 2017 der Zugang zu Wohnraum von benachteiligten Haushalten im Rahmen der Fachtagung der Grenchner Wohntage thematisiert. Diese und andere Studien und Projekte aus dem In- und Ausland werden dabei vorgestellt. Zudem finden im Rahmen der Grenchner Wohntage drei weitere Veranstaltungen statt.

  • Wanner, Philippe (2017). Wohnsitzwechsel aus wirtschaftlichen Gründen? Analyse der Wohnmobilität in sechs Agglomerationen. Zusammenfassung.
    Website BWO > Wohnungsmarkt > Studien und Publikationen
  • Weitere Informationen zu den Grenchner Wohntagen inkl. online-Anmeldung: www.grenchnerwohntage.ch

Doris Sfar, Leiterin Grundlagen und Information, Bundesamt für Wohnungswesen BWO

Nachhaltig bauen – was die Bauwirtschaft davon hat

Bauen beeinflusst Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft in vielfältiger Weise. Nachhaltiges Bauen nützt per Definition allen diesen Bereichen und damit auch der Bauwirtschaft. Trotzdem kann man heute nur einen Bruchteil der Projekte im Hochbau als nachhaltig bezeichnen. Es wäre Zeit zum Umdenken.  

Wer heute in die (Fach-)Medien schaut, könnte meinen, das mit dem nachhaltigen Bauen sei schon eine ziemlich klare Sache. Das stimmt wohl für die technisch-konzeptionelle Ebene. Mit dem SNBS, Minergie-Eco, den 2000-Watt-Arealen und anderen, teils auch internationalen Standards, Labels und Zertifikaten gibt es mittlerweile eine stattliche Auswahl an Werkzeugen für wohl fast alle Arten von Projekten. Auch das notwendige Knowhow und die Technik sind vorhanden. Anders sieht es aus, wenn es ums Umsetzen geht. Der Anteil an Projekten, die das Prädikat „nachhaltig“ wirklich verdienen, also gleichermassen der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Umwelt nützen, liegt beim Hochbau noch immer im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Woran das liegt, ist nicht im Detail bekannt. Zumindest, was die Rolle der Nachfrager, also der Käufer und Mieter von Gebäuden angeht, sollten wir im Lauf des Sommers klarer sehen. Dann werden die Ergebnisse aus der verhaltensökonomischen Studie dazu vorliegen, die das Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz NNBS zusammen mit Partnern lanciert hat.

Nun sind die Nachfrager sehr wichtig, wenn im Markt etwas bewegt werden soll. Aber sie sind nicht alleine, denn sie werden beraten von Planern und Architekten. Die wiederum stehen in einer intensiven Wechselbeziehung zu allen weiteren Beteiligten, vom Bauunternehmer über den Gebäudetechniker bis zum Gartenbauer. Werden in dieser Wertschöpfungskette die Chancen des nachhaltigen Bauens nicht verstanden, können die Mieter und Käufer auch nicht viel ändern. Und das scheint mindestens teilweise der Fall zu sein. Jedenfalls ist es kein Geheimnis, dass die Bauwirtschaft bei weitem nicht geschlossen hinter der Idee des nachhaltigen Bauens steht.

Die Wirtschaft ist mitgemeint
Deshalb soll hier nochmals gefragt werden, was die Wirtschaft vom nachhaltigen Bauen hat. Dass sie etwas davon hat, lässt sich schon aus der Definition des Begriffs ableiten. Nachhaltigkeit bezweckt ja nicht „nur“ Mensch und Umwelt zu schützen, sondern Lösungen zu suchen, die ebenso der Wirtschaft nützen. Der Bau wäre hier also mitgemeint. Wechseln wir auf die politische Ebene: Dort ist die nachhaltige Entwicklung ein Auftrag, den es per Bundesverfassung zu erfüllen gilt. Nachhaltige Entwicklung geht aber nicht ohne nachhaltigen Bau. Wenn also nicht noch eine Volksinitiative zum Streichen des einschlägigen Artikels 2 kommt, können wir davon ausgehen, dass nachhaltiges Bauen künftig zum Normalfall werden muss. Es ist also zu erwarten, dass es Normen und Vorschriften geben wird, die die Bauwirtschaft in diese Richtung lenken. Unternehmen, die sich heute schon damit befassen und es auch praktizieren, erarbeiten sich demnach einen Marktvorteil.

Nachhaltiges Bauen fördert zudem die Innovationskraft eines Unternehmens. Im ganzen Prozess müssen immer wieder neue Lösungen für alte Probleme gesucht werden. Hierfür braucht es neue Materialien, Konzepte und Verfahren. Auch das verbessert die Position am Markt. Doch es gibt auch ganz konkrete Vorteile, die sich heute schon nutzen lassen. Beispielsweise kann das Bauen nach einem guten Standard als Instrument der Qualitätssicherung betrachtet werden. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema verlangt eine Optimierung des Projekts. Dies führt in der Regel zu durchdachteren Lösungen, zu einer besseren Projektsteuerung und zu weniger Risiken. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruht auf den Erfahrungen mit verschiedenen, bereits seit längerem existierenden Standards und -Labels. Von dort her weiss man auch, dass nachhaltige Projekte tendenziell eine höhere Wertschöpfung in der Baubranche generieren.

Nicht nur gut fürs Image
Und schliesslich heisst nachhaltig bauen auch, Materialien und Verfahren zu verwenden, die möglichst unproblematisch für Mensch und Umwelt sind. Das führt dazu, dass die Mitarbeiter auf der Baustelle weniger mit Substanzen in Kontakt kommen, die ihre Gesundheit gefährden. So lässt sich das Risiko für Krankheitsfälle senken und damit die daraus entstehenden Folgekosten. Und überhaupt, die Mitarbeiter sind ja das kostbarste Gut eines Unternehmens…

Die Aufzählung könnte noch erweitert und detailliert werden, worauf hier schon aus Platzgründen verzichtet werden soll. Ein Hinweis scheint in diesem Zusammenhang aber noch wichtig: Wird ein Gebäude nach einem guten Standard gebaut und zertifiziert, bringt das weitere Vorteile. Klar, die Bauherrschaft ihre Leistungen hinsichtlich Nachhaltigkeit bestätigt, was in der Regel auch den Marktwert eines Gebäudes erhöht. Zudem erhalten aber alle am Bau Beteiligten von der Zertifizierungsstelle Unterstützung und Feedback. Hierzu gehören etwa die Kontrolle von Berechnungen, Auskünfte zu Baumaterialien, Checklisten, stichprobenhafte Baustellen- oder Erfolgskontrollen.

Und vergessen wir nicht: Selbst wenn - oder gerade weil - nachhaltige Gebäude derzeit noch etwas den Nimbus von Exoten haben, sind sie gute Imageträger. Das haben einige innovative Unternehmen bereits bemerkt, und nutzen ihr einschlägiges Engagement, um sich in der öffentlichen Wahrnehmung zu differenzieren.

Martin Hitz, Präsident des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz NNBS

Weitere Informationen: www.nnbs.ch