Von der Bauwirtschaft für die Bauwirtschaft

Ein Portrait über Nationalrätin Sandra Sollberger

Sandra Sollberger ist eine echte Powerfrau. Neben ihrem Beruf als Geschäftsführerin im eigenen Malerbetrieb und Mutter zweier Kinder ist sie seit 2015 auch Mitglied des Nationalrates.

Zur Politik ist Sandra Sollberger eher durch Zufall gekommen, wie sie selber sagt. Doch dann legte sie richtig los: 2008 wurde sie in den Gemeinderat von Bubendorf gewählt, 2011 ins Kantonsparlament und 2015 in den Nationalrat. Sie ist dort Mitglied der Finanzkommission. Vor einigen Wochen wurde Sollberger in den Parteileitungsausschuss der SVP Schweiz gewählt. Als ehemaliges Mitglied der Bau- und Planungskommission im Kanton Baselland kennt sie sich in politisch-strategischen Fragen bei Bauvorhaben und deren Projektierung aus. Aber auch aus eigener beruflicher Erfahrung weiss sie beim Bauen Bescheid. Sandra Sollberger leitet als eidgenössisch diplomierte Malermeisterin zusammen mit ihrem Mann Simeon den Familienbetrieb Sollberger Maler AG in Bubendorf BL. Als Geschäftsführerin sind ihr die Themen rund ums Bauen und die Sorgen der Unternehmerinnen und Unternehmer bestens und aus erster Hand vertraut.

 

Und sie scheut sich nicht, diese Themen auch im Nationalrat aufs Tapet zu bringen. Mit ihren jüngsten Vorstössen vom 27. Februar 2018 gibt sie einerseits zu bedenken, dass SBB Cargo mit ihrer Preispolitik möglicherweise Preisdumping betreibt und dabei private inländische Firmen vom Markt verdrängt. Andererseits gibt Sandra Sollberger ihrer Sorge Ausdruck, wonach mit Gateway Basel Nord und dem massiven Ausbau im Containerverlad durch SBB, Rhenus Alpina und Hupac auf Staatskosten ein de-facto-Monopol der SBB Cargo entsteht und so erfolgreiche private Unternehmen aus dem Basler Rheinhafen verdrängt werden. Auch mit ihrer Motion „Sparen bei der Zentralverwaltung, nicht an der Front“, welche am 6. März 2018 vom Nationalrat gutgeheissen wurde, nimmt sie die öffentliche Hand in die Pflicht. Die Motion beauftragt den Bundesrat, in seiner nächsten Personalstrategie Massnahmen zur personellen Reduktion innerhalb der Zentralverwaltung anstelle von Sparplänen mit Auswirkungen mehrheitlich auf die Bürger oder die Frontarbeit zu präsentieren.

Sandra Sollberger engagiert sich auch in zahlreichen Organisationen für die Wirtschaft und das Gewerbe, so wirkt sie im ZV des schweizerischen Maler- und Gipserunternehmerverband, beim Gewerbe- und Industrieverein Bubendorf oder bei der Wirtschaftskammer Baselland. Neben dem eigenen Betrieb, der Politik und der Familie findet Sandra Sollberger sogar noch Zeit für Hobbies, wie Lesen, Wandern, Konzerte besuchen und Jassen. Mit Sicherheit gehört auch Kochen dazu, hat sie doch jüngst die Kochgruppe „Kupple-Chöch“ im Bundeshaus ins Leben gerufen. Diese Köche kochen einmal pro Session unter der Kuppel respektive in der Bundeshausküche für ihre Politikerkollegen.    

Wir wünschen Nationalrätin Sandra Sollberger weiterhin viel Erfolg und ungeschmälerten Elan bei ihrer politischen Tätigkeit, in ihrem Unternehmen und bei ihren Aktivitäten und Hobbies. Ganz besonders freuen uns über ihr grosses Engagement für die Bauwirtschaft!

Sandra Burlet, stv. Direktorin

Sessionsanlass bauenschweiz

bauenschweiz hat am 30. Mai zum Parlamentarierabend ins Hotel Bellevue Palace in Bern geladen. Das Thema Beschaffungsrecht unter dem Titel «Brandaktuelles zur Revision BöB» hat interessiert, Vertreterinnen und Vertreter des Parlaments sowie Gäste sind zahlreich erschienen. Pierre Broye, Direktor des Bundesamtes für Bauten und Logistik gab einen Überblick über die Totalrevision des Bundesgesetzes über das Beschaffungswesen BöB, deren Behandlung im Nationalrat just kommende Woche startet. Auch den Ausführungen und Statements von Marc Steiner, Bundesverwaltungsrichter und ausgewiesener Kenner der Materie hörten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gespannt zu. Seine Überlegungen sind im zusammen mit Thierry Lalive d’Epinay verfassten Argumentarium, welches ebenfalls in diesem Newsletter abgedruckt ist, zu finden.
Man war sich einig: Die Revision, mit welcher die vielen unterschiedlichen Beschaffungsordnungen von Bund und Kantonen einander angeglichen werden, trägt zur Deregulierung bei und wird begrüsst. bauenschweiz möchte dabei den Fokus noch etwas stärker auf Qualitätsaspekten richten, wie das von der vorberatenden Kommission des Nationalrats (WAK-N) über weite Strecken bereits aufgenommen worden ist. Denn, wie Ständerat Hans Wicki und Präsident bauenschweiz hervorhob, beim Bauen ist eine längerfristige Optik nötig. Eine Lifecycle-Betrachtung wird immer wichtiger, weshalb der Qualität eine herausragende Stellung zukommt.
Beim abschliessenden Apéro riche wurde die Möglichkeit zum Austausch über die Revisionsvorlage zum Beschaffungsrecht rege genutzt.

Sandra Burlet, stv. Direktorin bauenschweiz

Impressionen

Paradigmenwechsel im Vergaberecht: Wo geht die Reise hin?

Das öffentliche Beschaffungswesen: Was ist das für ein Typ von Regu­lie­rung? Ist Geiz geil? Was kann der Innova­tionsbeitrag staatlicher Nachfrage sein? Welche Bedeutung hat good governance im öffentlichen Sektor?

Öffentlicher Einkauf: Braucht es eine Regulierung und wenn ja welche?

Der öffentliche Einkauf von Schulhäusern, Toilettenpapier, Kantinenmahlzeiten über neue Eisen­bahntunnel bis zu den Kampfflugzeugen muss reguliert werden, weil wir nicht wollen, dass der Staat das Geld zum Fenster hinauswirft. Die Ökonomen gehen davon aus, dass es dazu ein Gesetz braucht, weil der Staat nicht Konkurs geht, wenn er unvernünftig wirtschaftet; es fehlen die „Peitsche des Insolvenzrisikos“ und der Wett­bewerbs­druck. Im Unterschied zum „normalen“ Wirtschafts­verwaltungsrecht reguliert der Staat mit dem Beschaffungsgesetz aber nicht in erster Linie die ihre Leistungen anbietenden Unternehmen, sondern die Verwaltung selbst, also die einkaufende Auftrag­geber­seite. Darum muss das Parlament im Rahmen der Vergabe­rechts­reform auch auf der Hut sein, dass es dem Bundesrat nicht einfach unbesehen dieje­nigen Regulierungs­vorschläge abkauft, die für die Bundes­ver­waltung am bequemsten sind.

 

Regulierungsphilosophie – Wo kommen wir her?

Wenn ein Archäologe die weltanschaulichen Konzepte ausgraben würde, die der Regulierung des öffentlichen Einkaufs zugrunde liegen, dann müsste er grob drei verschiedene Schichten in die Karte zeichnen und das gefundene Material mit einem entsprechenden Vermerk inventarisieren. Dabei gibt es zwei grosse Para­digmenwechsel. In den 80er Jahren war die Ausgangslage in der Schweiz etwas vereinfacht gesagt behäbig, protektionistisch und in Kartellabsprachen begün­stigender Weise verkrustet. Und trotzdem gab es schon Vergabeverfahren, weil „best value for money“ und good governance-Ideen durchaus auch relevant waren. Man sagte sich im Sinne einer Güterabwägung, dass Protektionismus bis zu 5 Prozent mehr kosten darf aber dann möglichst auch nicht mehr als das. Das war aber ein Problem der Vergabestelle, das die Anbieterseite nichts angeht, weshalb es im Unterschied zum europäischen Binnenmarkt auch keinen gericht­lichen Rechtsschutz gab. Das ist die archäologische Schicht 1

Auf diese Ausgangslage hat der Neolibe­ralismus der 90er mit Marktöffnungs­konzepten reagiert, um den Wettbewerb zu intensivieren. Das ist die archäo­logische Schicht 2. Neu geht es um Marktöffnung, Wettbewerb und Geld und nur um das. Damit war schon die Integration längerfristiger Ziele prima facie suspekt unter dem Schlagwort „vergabefremde Aspekte“; es galt das „Reinheitsgebot“ der Marktöffnung. Nach der verlorenen EWR-Abstimmung wurde als Ersatzlösung eine auf die Schweiz beschränkte Strategie der marktwirt­schaft­lichen Erneuerung verfolgt bestehend aus Binnenmarktgesetz und Kartellgesetz. Dazu passte ausgezeichnet der WTO-Beitritt inklusive WTO-Abkommen zum öffentlichen Beschaffungswesen. Dieses brachte das erste Beschaffungsgesetz für den Bund sowie eine entsprechende interkantonale Vereinbarung für die Kantone und vor allem auch den Rechts­schutz für die nicht berücksichtigten Anbieter, womit die Justiz ins Spiel kam. Das war ein Paradigmenwechsel, den die Bundesverwaltung am Anfang nur schwer verdaute. Sie versuchte sogar, mit der damaligen Rekurskommission über das öffentliche Beschaffungswesen über die Frage der aufschiebenden Wirkung zu verhandeln, weil sie gerne die Möglichkeit gehabt hätte, durch den Abschluss des Vertrags mit der Zuschlags­empfängerin das Gericht bindende Fakten zu schaffen. Die Juristinnen und Juristen der 90er haben den neoliberalen Ansatz im Wesentlichen von den Ökonominnen und Ökonomen übernommen. Dieses Denken gemäss der Schicht 2 ist als Reaktion auf die Schicht 1 absolut nach­voll­ziehbar, schiesst aber über das Ziel hinaus und hat sich als zu wenig integra­tionsfähig ins Gesamtsystem der Rechtsordnung erwiesen. Deshalb haben einige Juristinnen und Juristen ange­fangen, eine gegenüber der Ökonomie selbstän­digere Regulierungslogik zu entwickeln.

 

Regulierungsphilosophie – Wo geht die Reise hin?

Nach der Bundesverfassung von 1999 wird die Nachhaltigkeit zum Staatsziel und damit entstehen die ersten Regulierungslogikgedanken der Schicht 3, die mit den Schlagworten Governance, Qualität, Nachhaltigkeit und Innovation beschrieben werden kann. Die Schicht 3 ist dadurch gekennzeichnet, dass das Erreichen von Politikzielen mittels des öffentlichen Beschaffungswesens nicht mehr rundweg negativ gesehen wird. Am deutlichsten wird das in Europa. Die Richtlinie 2014/24/EU dient dem „strategic use of public procurement“, damit so die Nachhaltigkeitsziele der Strategie „Europa 2020“ erreicht werden können. Damit sollen die Gedanken der Regulierung gemäss Schicht 2 nicht aufgegeben, sondern im Sinne einer ausgewogenen Balance relativiert werden. In dieselbe Richtung geht auch die Revision des Welthandelsvergaberechts. Das revidierte Govern­ment Procurement Agreement stellt „Green Public Procurement“, also Umwelt­schutz und Ökoinnovation durch öffentliches Nachfrageverhalten, ausser Streit. Das WTO-Symposium vom 22. Februar 2017 zur nachhaltigen Beschaffung hat auch im Bereich sozialer Gesichts­punkte eine von Kanada und Europa getragene Aufbruchstimmung dokumentiert. Die Leitlinie der Schicht 3 ist die Politik­kohärenz bzw. Kohärenz der Rechtsordnung. Das heisst wenn in der Bundes­verfassung steht, dass die Nach­haltigkeit Staatsziel ist, dann führt das dazu, dass man nachhaltige öffentliche Beschaffung jedenfalls nicht in dem Masse rechtlich verhindern kann, wie das dem „Reinheitsgebot“ bzw. der Logik der Schicht 2 entsprechen würde. Der Staat hat von Amtes wegen eine CSR-Strategie. Die armasuisse (Bundesamt für Rüstung) hat auch längst erkannt, dass es bei der Uniform­beschaffung nicht nur um Geld, sondern auch um Repu­tationsrisiko­management geht. Und: Der Qualitätswettbewerb wird wieder zum Thema. Der Logik der Schicht 2 entspricht der reine Preiswettbewerb, weil der Preis am einfachsten zu bewerten ist und auch die Ökonomie stark auf den Preiswettbewerb fokussiert. Dumpingangebote sind ausdrücklich erwünscht. Nach der Logik der Schicht 3 hat der Preiswettbewerb demgegenüber einen Grenznutzen. Und es wird der Zusammenhang zwischen Qualität und Innovation erkannt. Kein Vertreter der Schicht 2 würde sagen, er sei gegen Innovation. Fakt ist aber, dass der reine auf den Kaufpreis abstellende Preiswettbewerb für die Integration längerfristig relevanter Aspekte negative Anreize setzt, wenn nicht die Externalitäten im Sinne einer Vollkostenrechnung auch über total cost of ownership hinaus internalisiert oder in der Form von Qualitätsaspekten berück­sichtigt werden. Ausserdem ist aus der Sicht der Anbieter völlig klar, dass nur konventionelle Lösungen gefragt sind, sobald der Preis zu hoch gewichtet wird. Aber: Innovation ist oft auch kostengünstiger. Innovative Anbieter weisen in ihren Offerten ausdrücklich darauf hin, dass man qualitativ Besseres und Innovativeres haben könnte, wenn die Nachfrage weniger preisgetrieben oder weniger vorstrukturiert wäre. Um besser Preise vergleichen zu können werden oft Teilpakete ausge­schrieben, die eine «falsche» Lösung implizieren. Innovation entsteht aber durch den bewussten Ver­zicht auf ein detailliertes Pflichtenheft im Sinne einer ganz oder teilweise funk­tionalen Ausschreibung, mit welcher nur beschrieben wird, welches Ziel erreicht werden soll, ohne dass der Weg dahin genau vorgegeben würde. Und obwohl das auf den ersten Blick als überraschend wahrgenommen werden könnte, kann auf dieser Grundlage oft ein kosten­günstigeres und nachhaltigeres Angebot das Rennen machen. Interessant ist in Bezug auf die Frage nach dem wirtschaftlich günstigsten Angebot die Tatsache, dass das seit Mitte der 90er Jahre geltende schwei­zerische Beschaf­fungsrecht (Art. 21 BöB) dank parlamentarischer Intervention – im Unterschied zum damaligen euro­päischen Recht – schon seit Mitte der 90er auf Qualitäts­wettbewerb ausgerichtet ist. Weil aber die Akteure intuitiv wissen, dass das Vergaberecht ein Werkzeug der Regulierungslogik gemäss Schicht 2 ist und denken, dass man die Berück­sichtigung des billigsten Angebots am einfachsten begründen kann, hat sich im Rahmen der der Verwaltung ausdrücklich zuerkannten Spielräume vielerorts entgegen der Zielsetzung von Art. 21 BöB eine durch Preiswettbewerb geprägte Vergabekultur ergeben. Das stört nahe­lie­genderweise die Wirtschafts­verbände, deren Mitglieder in der Schweiz anbieten und besser im Innovations- und Qualitäts- als im Preiswettbewerb bestehen können. Darum bekennen sich diese im Unterschied zur economiesuisse, die ein „Reinheitsgebot“ postuliert, wonach ausdrücklich Argumente aus der Schicht 2 relevant sind, neuerdings ausdrücklich zur Regulierungslogik der Schicht 3. Und was in der WTO, in der EU und genauso in der Schweiz mit der Schicht 3 auch kommt ist das Wissen darum, dass good governance im öffentlichen Sektor und Korruptions­prävention nicht nur Mittel zum Zweck für die Marktöffnung sind, sondern dass die Integrität und Glaub­würdigkeit der öffentlichen Hand als eigenständiges Regulierungsziel zu sehen sind. Dement­sprechend dienen die Transparenz und ein effektiver Rechtsschutz nach diesem Verständnis nicht nur dem Wettbewerb, sondern auch der good governance. Beim Staat wird der goodwill zwar nicht in der Konzern­rechnung budgetiert, aber trotzdem kann er ihn verlieren und diesbezügliche Verluste kommen ihn teuer zu stehen.

Zwischen Innovationsförderung und good governance bzw. Korruptions­prä­vention können Zielkonflikte bestehen. In der Schweiz können wir es uns vom governance-Standard her absolut erlauben, der Verwaltung als Auftraggeberin Spielräume zuzugestehen, auch wenn das der auf total korrupte Systeme zugeschnittenen Standardargumentation von Transparency International nicht entspricht. Gefragt ist nicht eine Vergabekultur, die den Beschaf­fungs­vorgang zu einer Kette von „cover my ass“-Entscheidungen macht, sondern trotz Compliance­vorgaben ein durch Führungsimpulse zu setzendes Anreiz­system, welches die Frage nach dem Sinn und die Übernahme von Verantwortung belohnt. Zugleich darf man es dem öffentlichen Sektor auch nicht abnehmen, wenn sich die Akteure hinter Sachzwängen des Gesetzes verstecken dort, wo die Auftraggeberseite im Rahmen ihrer Spielräume „policy choices“ etwa zwischen Qualitäts- und Preiswettbewerb zu vertreten hat.

 

Fazit

Die Tatsache, dass die WAK-N den bundesrätlichen Entwurf für ein Bundes­gesetz über das öffentliche Beschaffungswesen vom 15. Februar 2017 im Sinne der Betonung des Qualitätswettbewerbs präzisiert und gemäss Presse­mit­teilung vom 28. März 2018 nach heftiger Auseinandersetzung das Zuschlags­kriterium „Nachhaltigkeit“ verteidigen will, ist der Zusammensetzung des Nationalrats entsprechend nicht das Ergebnis linker Unterwanderung. Vielmehr wird damit der unter Industrienationen namentlich im europäischen Kontext längst vollzogene Schritt von der Regu­lierungslogik der Schicht 2 zu derjenigen der soeben beschriebenen Schicht 3 getan. Das dient, was in den letzten Jahren immer deutlicher erkannt wird, ausdrücklich auch dem Werkplatz Schweiz. Sonst würden sich etwa bauenschweiz, SIA, usic, lignum und swiss textiles in diesem Punkt auch nicht so unabhängig von der economiesuisse bzw. eben ganz anders positionieren. Die Heraus­forderung wird sein, dass zugleich klar gemacht wird, dass wir nicht wieder zum zu sehr durch Protektionismus geprägten Konzept gemäss Schicht 1 zurück wollen. Die Lösung liegt im bewussten Management der Zielkonflikte. Die Abspaltung ganzer Gedankenwelten (etwa aus dem Bereich der Nachhal­tigkeit) zur Vermeidung von Zielkonflikten, wie sie dem Konzept gemäss Schicht 2 zugrunde liegt, führt nicht zum Ziel und ist in Bezug auf die Innovationsförderung suboptimal.

 

Marc Steiner, Bundesverwal­tungsrichter (äussert seine persönliche Meinung), und Thierry Lalive d’Epinay, Senior Partner, hpo ag / 30. April 2018

Gelebte Open Innovation im Innovationspark Zentralschweiz

Der Verein Innovationspark Zentralschweiz ist eine gemeinsame Initiative der Zentralschweizer Unternehmen und Kantone sowie der Hochschule Luzern. Im Rahmen dieser Initiative wird national und international wegweisende Forschung und wegweisendes Prototyping im Bereich «Building Excellence» betrieben. Derzeit läuft der Akkreditierungsprozess bei der Stiftung Switzerland Innovation und dem Swiss Innovation Park Zürich mit dem Ziel, Teil des Innovationsnetzwerks der Schweiz zu werden. Parallel dazu betreibt der Verein seit April 2017 ein Provisorium auf dem Suurstoffi-Areal, Rotkreuz, wo die Innovationskonzepte und Ideen bereits ausprobiert und gelebt werden.

Der Innovationspark Zentralschweiz unterstützt Mitglieder auf allen Kompetenzstufen von Building Excellence. Dies beginnt mit dem grundlegenden Kompetenzaufbau und einem Wissenschaftstransfert (WTT) in den jeweiligen Themenfeldern. Darauf aufbauend lassen die Mitglieder Best Practices in den Innovationsprozess ihrer Unternehmen einfliessen. Dabei geht es um den gegenseitigen Informationsaustausch in Arbeitsgruppen und um die Realisierung kleinerer Projekte. Mit diesem Fundament sollen neue Forschungs-, Entwicklung- und Innovationsfelder bearbeitet und markfähige Innovationen entwickelt werden. Im Mitgliederkreis hat man die Priorität in einer Anfangsphase auf die drei Innovationsfelder: Digitales Planen und Bauen (mit BIM), Nutzung von Internet of Things (IoT) im Gebäude sowie Energie & Nachhaltigkeit gesetzt.

Ein Innovationsinstrument sind die Arbeitsgruppen. Wir möchten das Vorgehen an einem konkreten Beispiel der Arbeitsgruppe «BIM & IoT» vorstellen. Diese Arbeitsgruppe hat in einem Prototyp ein digitales Bauwerksmodell mit internetfähigen Gerätschaften verbunden. Der besondere Wert des Open Innovation Vorgehens liegt nicht alleine im funktionsfähigen Prototypen als Resultat, sondern vor allem im gemeinsamen Prozess und den gewonnenen Erkenntnissen. Das ist gelebte Open Innovation par excellence, die den Anfang weiterer Initiativen oder gar Geschäftsmodelle darstellen kann. Um diese Herausforderung anzupacken, haben sich im Innovationspark Zentralschweiz sechs Unternehmen sowie die Departemente Informatik und Technik & Architektur der Hochschule Luzern zusammengetan und in Workshops einen BIM-IoT-Prototypen mit Hilfe von zwei Studierenden realisiert. Der Prototyp wurde in sechs Sprints vom Oktober 2017 bis März 2018 umgesetzt. Das Ziel für den gemeinsamen Prozess lautete, in einem lauffähigen Prototyp (Showcase) IoT-Geräte mit dem digitalen Zwilling (BIM-Modell) zu verbinden und die Geräteinformationen im Modell online zur Verfügung zu stellen.

Dieser Prototyp mit seinen noch eingeschränkten Möglichkeiten, ein sogenanntes Minimum Viable Product (MVP), ist denn auch wesentliches Element der Lean-Startup-Denke. Wir bauen, messen und lernen. Man stelle sich im Fall des BIM-IoT-Prototyps einen Raum vor, in dem Lampen, Bewegungssensoren und Brandmelder platziert sind. Auf einem Bildschirm ist besagter Raum digitalisiert als BIM-Modell zu sehen, ebenso die IoT-fähigen Gerätschaften. Die Sensoren der Geräte im Raum reagieren während der Tests auf Bewegung oder auch Rauch. All das, was beim Gerät passiert, wird unmittelbar im BIM-Modell sichtbar, ebenso ist bspw. die Brenndauer von Leuchtmitteln sichtbar. Das anvisierte Ziel wurde erreicht. Der Test des Prototyps im Innovationspark verlief erfolgreich.

Damit war eine zentrale Bedingung erfüllt, um mittels Prototyp eigene Hypothesen bei möglichen Nutzergruppen zu validieren. Entsprechend gespannt war das Projektteam, als Ende März 2018 zwei mögliche Nutzniesser im Innovationspark Rotkreuz den Prototyp zu Gesicht bekamen. Zum einen ein Verantwortlicher der lokalen Feuerwehr. Feuerwehr, warum? Im Arbeitsprozess der Arbeitsgruppe hatte sich die Hypothese entwickelt, dass gerade die Feuerwehr von einem digitalen Modell und vernetzten Geräten und Sensoren profitieren kann. Diese können zeitnah wichtige Informationen via digitales Modell liefern. Diese Hypothesen wurden im Gespräch bestätigt und weiter validiert. Nicht minder spannend war der Austausch mit einem Verantwortlichen auf Investorenseite. Der Wert von Kennzahlen oder technischen Spezifikationen, die das digitale Modell liefert, ist unbestritten. Im BIM-Modell bereits Varianten durchzuspielen, um Investitionen langfristig klug im Sinne des Betreibers zu tätigen, verheisst viel Einsparpotenzial.

Was bleibt an Erfahrungen zurück? Ein Open Innovation Umfeld wie der Innovationspark in Rotkreuz schafft ein Setting, um gemeinsam mit Interessierten einer Thematik und ihren Möglichkeiten auf den Grund zu gehen. Eine wichtige Erkenntnis der Arbeitsgruppe «BIM & IoT» zeigt sich darin, dass ein eigenes Desk- oder Field-Research von Unternehmen zu einem bestimmten Thema aufwendiger und gleichzeitig wohl weniger umfassend ausfallen würde. Bis man aus dem Schatten des besagten Bergs treten kann, zieht viel Zeit ins Land. Von einem funktionsfähigen Prototyp, den man zusammen erstellt und der wichtige Aufschlüsse für den Innovationsprozess liefert, ganz zu schweigen.

Der Innovationspark Zentralschweiz bietet seinen Mitgliedern einen starken Brand Value und ein exklusives Netzwerk im Schwerpunkt Building Excellence. Das inspirierende Setting fördert die Innovationsfähigkeit der Mitglieder. Möchten Sie sich an den Aktivitäten des Vereins Innovationspark Zentralschweiz beteiligen und Mitglied werden? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf, um weitere Informationen zu erhalten: http://www.building-excellence.ch/.

 

Christoph Wey (HHM) und Tim Weingärtner (Hochschule Luzern – Informatik)