Der Ruf des Gotthards

Es ist offensichtlich, dass es sich bei der Fahrt zum grossen Eröffnungsfest des Gotthard-Basistunnels am 5. Juni 2016 nicht um eine normale Reise Richtung Süden handelt. Der Zug am Sonntagmorgen ist proppenvoll. Kinder, Familien, Pensionäre, alle mit zwar leichtem Gepäck, aber mit Kameras, Regen- und Sonnenschutz ausgerüstet, stürmen die Abteile. Je weiter wir in die Innerschweiz fahren, desto augenfälliger wird, dass wir uns dem Nordportal nähern. Mit der neuen Gleisführung und dem Aushubmaterial aus dem Berg ist auch die Landschaft verändert worden. Das Jahrhundertwerk der Baubranche, der längste Bahntunnel der Welt, beinhaltet auch eine neugestaltete Umgebung beidseits des Gotthards. In Rynächt dann die grosse Party: Ein riesiges Festzelt, eine Theaterproduktion, Verkaufsstände, eine Menschenmenge und ein kurzer Blick in die imposante Röhre durch die Alpen. Die Fahrt erstmals durch den neuen Tunnel ist eindrücklich. Von der Röhre selber ist zwar wenig zu sehen. Wie in anderen Tunnels auch herrscht Dunkelheit. Ausser den sich in regelmässigen Abständen befindlichen Lampen und Signale zur Kennzeichnung der Notausgänge sieht man nichts. Aber die rasante Fahrt von rund 200 km/h fühlen wir sehr wohl, die Lichter schiessen immer schneller vorbei. Dann nach gut 20 Minuten sind wir plötzlich wieder am Tageslicht. Die kurze Fahrt lässt fast vergessen, welch grossartige Pionierleistung hier die Schweizer Ingenieure und Tunnelbauer in jahrzehntelanger, mühevoller Arbeit vollbracht haben. Plötzlich liegt Gelati-Essen im Tessin für uns nicht weiter entfernt als ein Besuch im Basler Zoo.

Auch auf der Südseite herrscht grosser Bahnhof am Gotthard. Nochmals ein Volksfest und ein Blick auf das prächtige Tunnelportal diesseits des Berges. Dann die Rückfahrt in den Norden auf der alten Strecke. Beim Betrachten des Kirchleins von Wassen kommt beinahe Wehmut auf. Die Freude über den tollen und zwischenzeitlich weltberühmten Gotthard-Basistunnel überwiegt aber bei weitem. Und die Bergstrecke soll ja erhalten bleiben.

Auf der Rückreise lassen wir unsere Eindrücke Revue passieren. Für alle ist klar, dass sich die Schweiz mit dieser neuen Nord-Süd-Verbindung von der allerbesten Seite zeigt. Dieses Bauwerk verschafft unserem Land auch international viel Ruhm und Anerkennung und das zu Recht. Im Tunnelbau ist man hierzulande spitze. Toll, was die Bauleute hier geleistet haben!

Sandra Burlet, stv. Direktorin